Deutschland in Feierlaune

Früher, als alles anders war, wurden der Geburtstag, Fasching und die Kirchenweihe gefeiert. Zu mehr war weder Zeit noch Geld vorhanden. Seitdem wir aber mehr Einkommen und Freizeit haben, feiern die Deutschen, was das Zeug hält: Oktoberfest und Cannstatter Wasn, Hamburger Hafenfest und andere Großveranstaltungen sind da nur die Spitze des Eisbergs. Sobald die ersten Maiglöcken sprießen, packen die Unterhaltungsstars des Ballermanns und von El Arenal die Koffer und machen sich auf in die alte Heimat. Hier treten sie im Partybus auf, bei zahllosen Beachpartys an den Flüssen und Baggerseen der Republik, beim Halloween natürlich auch, ebenso beim Mittsommerfest und was immer gerade anliegt. Sogar der Dias Dos Muertos wird am 2. November gefeiert, der Tag der Toten, eigentlich ein mexikanischer Feiertag. Wo Matthias Reim und Michelle auftreten, ist gute Laune angesagt, auch wenn die Lieder immer die gleichen sind. Die alten Songs sind doch die besten, und so wie Jürgen Drews seinen Hit vom Kornfeld lediglich gecovert hat, wurde Oli P. mit einem Grönemeyer-Song (Flugzeuge im Bauch) bekannt.

Das Event wurde zur Party

Die Fans mögen das, und es ist egal, ob die Stars von damals im Club spielen, bei einem Sportevent oder auf dem Weinfest. Hauptsache Party. In der “Welt” hat Julia Hackober unlängst davon gesprochen, dass “sämtliche kulturell-ethnozentrischen Dämme gebrochen” sind, wenn es ums Feiern in Deutschland geht. Die Abifeier wird zum Prom, der Junggesellenabschied zur Bachelor-Party und statt die Taufkleider zu kaufen, geht die Mutter mit ihren Best Friends Forever (früher Freundinnen genannt) zum Baby-Shower. Der Kulturwissenschaftler Winfried Gebhardt fürchtet, dass das Feiern seinen Reiz verliert, wenn es nichts mehr Besonderes ist. Die Partyveranstalter sehen das anders: Auch wenn die Loveparade ihren Zenit überschritten hatte, kamen andere Veranstaltungen nach, nicht so groß, dafür aber mehr lokal. Was lange Zeit ein Event war, wird jetzt wieder zur Party, und vielleicht werden wir in wenigen Jahren wieder von Festen und Feiern sprechen.